Perspektivenwechsel


In zappelnder Jagd durch Leere geweckt. Hunger.
«…Kein direkter Geruch am Schlafplatz, es muss im Oben sein…»
Das Oben, verschlossen, fremde Geräusche, fremde Gerüche.
«auf, auf auf, rein, rein, rein»
Unverständliches Gemurmel, rascheln… Noch einmal.
«Es ist so dumm, versteht es nicht…»
«auf, auf auf, rein, rein, rein»

Da, ein Spalt, Füße, vertrauter Geruch.
«Warum bleibt es nicht stehen, es braucht meinen Geruch.»
«Also, während es geht.»
«Im Unten ist Essen, runter, runter! Wo geht es hin?»
Wasser, Rauschen…
«Es versteht so schlecht, es denkt sooo langsam.»

Im Oben war noch jemand. Mit einem Satz ins Weich.
«Essen, Hunger, Jetzt, versteh‘ mich!»
«Es ist so dumm.»

Tiefe Stimme Es, geht ins Unten.
Wohlbehagen, Geruch von Essen, Hunger.
Satt. Sauber machen.

«Jagd! Will jagen! Spielen. Töten. Jetzt!»
ReinRaus öffnet sich.
«Gerüche! Laute! Grell. Viel! Schön! Frei!»
Laufen ins grüne Hoch. Sprung, sprung, sprung.
Beute, weich gibt laut. Springt fort. Hunger.

ReinRaus geschlossen.
«auf, auf auf, rein, rein, rein»
«Tiefe Stimme Es, auf!»

Ins Weich. Bilder. Jagd.

_
aus…

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Das Zusammenleben


Die gnädige Frau hat einige sehr schöne Eigenschaften, die ich an ihr mag.

Sie klaut mir nicht die Wurst vom Brot.
Das schätze ich sehr an ihr, sie lässt mir Meines, so wie ich ihr das Ihre lass‘.
Wir essen es uns nicht gegenseitig weg.
Zugegeben, ich habe da in jedem Fall die höhere Hemmschwelle.
In seltenen Momenten werfe ich ihr ein Stück Wurst zu, sie, skeptisch und dann doch zu neugierig, eben Katze, isst es.
Täte sie das selbe, mir etwas von Ihrem anbieten, ich würde mehr als nur zögern.
Meine Neugier hält sich in Grenzen. Ziemlich. Bin halt doch nur ein Mensch.

Mein Kater, der leider nicht mehr bei mir ist, ich werde wohl nie erfahren, was mit ihm passiert ist.
Mein Kater, er war ein anderes Kaliber.
Ein geöffneter Joghurtbecher war nicht einmal in meiner Hand sicher, dito der Inhalt des Löffels.
Der Weg vom Becher zum Mund war ein Gefahrvoller.
Er musste geschützt und verteidigt werden.
Es war ein Schwanken zwischen Amüsement und leichter Angenervtheit.
Der triviale Vorgang, ein Joghurt zu verzehren wurde zum Survivaltrainig, dem Kampf zwischen Mensch und Natur.
Ich habe mir damals das Herunterschlingen von Nahrung im Allgemeinen und Joghurt im Speziellen angewöhnt.
Dennoch, ich würde alle Joghurts der Welt (ich bin bekennender Joghurtjunkie) teilen, wenn Sammy, mein Kater wieder auftauchen würde…

Die Eigenschaften, die ich an der gnädigen Frau liebe, ich schweife ab. Zurück zum Thema.

Sie mag meine Nähe.
Das klingt jetzt ein wenig eingebildet. Aber wo ich bin, mag auch sie sein.
Ist sie drinnen und ich setze mich auf die Terrasse, so folgt sie nach draussen.
Sitze ich an meinem Sekretär, so folgt sie über kurz oder lang und legt sich auf die schonmals erwähnte Fototasche, die neben dem Sekretär auf dem Boden liegt.
Oder sie zerlegt einen der Kartons, die unter dem Sekretär für sie bereit gelegt sind.
Ich schätze das als willkommene Ablenkung, ihr bei ihrem Spiel zuzusehen.
Ich räume dann die rausgerissenen Kartonschnipsel weg, stelle frische Kartonunterhaltungsware bereit.
Dafür unterbreche ich gerne meine Arbeit.
Abends treffen wir uns auf dem Sofa, wir wechseln uns ab, im zuerst sitzen. Oder liegen…

Irgendjemand meinte mal, Siamkatzen wären sehr mitteilsam.
Ich habe das ignoriert, Gnä Frau ignoriert es auch. Wir haben unser „zur Tür Reinkomm“ Ritual, sie wirft mir etwas lautstark vor, ich verstehe es nicht und leben dann weiter zusammen.
Das ist so im Wesentlichen alles, was sie mir mitteilen möchte.
Schnurrt sie, so nehme ich das als Aufforderung das weiter zu tun, was ich gerade tue.
Und wenn mir der Arm dabei abfällt, auf dem sie gerade liegt.

Schön, wie einfach es ist, seinen Platz im Zusammenleben zwischen Katze und Mensch zu finden und dabei so zufrieden zu sein.
Ein Modell, das im Zwischenmenschlichen nachgeahmt werden sollte? Seinen Platz finden?

Frieden


Der Garten ist ihre Welt.
Der Nachbar hat zwei Katzen, ein Geschwisterpaar, einen gemütlichen KatEr und eine Zicke, die Schwester…
Mit ihm versteht sie sich gut. Er ist entspannt.
Sie kann Gnä Frau nicht ab, umgekehrt findet meine kleine Diva sie äusserst spannend.
Die Beziehung ist einseitig angestrengt.

Der Garten ist groß genug, sich aus dem Weg zu gehen. Wenn man das mag.
Die Gnädige Frau mag nicht. Sie liebt die große Schwester, die keine sein mag.

Die Narben auf der Nase meiner kleinen Dame verheilen schnell und ohne Folgen.
Aber sie kehren stetig wieder.
Sie will es nicht wahrhaben.

Manchmal tut mir Nachbars Katze leid, sie weiß schon gar nicht mehr, wohin sie vor der Liebe flüchten soll.
Sie ist die klassische Einzelgängerin, ihren Bruder kann sie ab, der will nichts von ihr.
Sie kann mit Gesellschaft einfach nichts anfangen, auch nicht mit der der bezaubernden Gnä Frau.

Das Alter meiner Gnädigen ist nur ungefähr bekannt, sie dürfte so um die zwei Jahre jung sein.
Mein spanisch ist mäßig, ganz die Dame, behält sie Ihr wahres Alter bei all‘ meinem Bemühen für sich.
Sie sehnt sich nach der großen Schwester, akzeptiert im Haus aber nur Zweibeiner als Mitbewohner. Nimmt die Narben in Kauf, im Gegenzug für vierbeinige Gesellschaft.

Frieden gibt es, wenn sie im Haus ist, bei mir.
Es ist mir eine Freude, zu wissen, dass sie auf dem Sofa, ihrem Stuhl oder meiner Fototasche balancierend schläft. Sie muss nicht um mich herum sein, mir genügt das Wissen um ihr Sein.

Die meiste Zeit des Tages ignoriert sie mich. Ich liebe sie dafür.
Sie kommt, wenn sie etwas braucht, etwas möchte.
Ich lasse alles liegen und stehen und kümmere mich.
Gut, Essen gibt es nur zu fixen Zeiten, aber ansonsten hat sie mich unter Kontrolle.
Im Gegenzug gibt sie mir Frieden.
Das beste Gegengeschäft.

Gnä Frau Diabolo

Das kleine Herz


Die Gnä Frau ist eine spanische Streunerkatze.
Herkunft also weitestgehend unbekannt.
Ihre kleine Kindheit haben wir beide leider nicht gemeinsam durchlebt.
Ich weiß nichts über ihre Erlebnisse.

In seltenen Momenten, gibt sie ein wenig Preis davon.
In Momenten, die ich vermeiden möchte, nicht mag.

Weil da das Schreckhafte zu Tage tritt.
Weil da die schlechten Erinnerungen, die antrainierten Reflexe zum Vorschein kommen.
Weil sie mir da so unendlich leid tut.
Weil ich ihr nicht helfen kann.

Wenn Sie erschrickt, weil sie ins Spiel vertieft ist, nicht mit mir rechnet.
Wenn ich mich ihr zu schnell nähere, im Wunsch, sie durch die Terrassentüre raus ins Grün zu lassen,
dann zuckt sie zusammen, macht sich flach, ganz klein.

Da erschrickt das kleine Herz, durchlebt, was es nicht erlebt haben sollte.

Ich versuche ihr so wenig als möglich der Schreck zu sein, der ihr in die Glieder fährt, sie erstarren lässt.
Alte Wunden sollen heilen, nicht wieder und wieder aufbrechen.

Hier darf sie sein, soll sie sein, ohne Angst und Schrecken.

IMGP3406

Über Spielsachen…


Die, ach so anspruchsvolle Gnä Frau leistet sich auch gerne mal die Ausnahme von der Regel.
Die Regel würde lauten: Spielzeug muss teuer und artgerecht für die Katze sein.
Nichts da.

Von irgendeinem Tiernahrungsversand hatte ich noch ein Werbegeschenk übrig.
Eine kleine grüne Bastmaus, mit einem Pappkern.
Maus
Ich möchte nicht behaupten, dass sie gekauftes Spielzeug nicht abkann.
Sie neigt zur Transformation desselben. Das gefällt mir.
So, wie das Ding jetzt aussieht, wie es nach etwa einem halben Tag aussah, mag sie es viel lieber.
Ich auch.

Wenn es um den Spieltrieb geht, ist sie eigen.
Besagte grüne Exmaus muss herhalten, ein breiter Einmachgummi ist ihr aktueller Favorit, gefolgt von einem breiten Gummiband, das eine Campingmatratze eingerollt halten sollte.

Die Begeisterung, mit der sie den Gummi recht geschickt durch die Luft schnellen lässt, um ihm sofort hinterher zu eilen ist ungekünstelt, schwer sympathisch und zaubert instant ein Lächeln ins Gesicht.

Ein kleiner Karton, etwas größer als ihr Kopf, bekommt regelmäßig viel Katzenliebe.
Er ist zerfleddert und zerbissen. Sie schiebt ihn, den Kopf im Karton, durch die Gegend, massakriert ihn, so gut es geht.
Postnatale Traumen würde ich sagen.
Katzen brauchen ein Ventil. Auch Gnä Frau.

Ach ja, ihr neuster Favorit ist ein flacher Keks, in Zelophan verpackt.
Den kann sie unter Kommoden schießen, unter meine Lautsprecher, was auch immer und dann mit langen Pfoten danach grabschen.
Sie mag wohl das Geräusch, dass der Keks auf seiner Rutschbahn erzeugt. Wisch!

Ich würde keine Kosten und Mühen scheuen, wenn sie nur gelangweilt herumläge, sie ein wenig zu motivieren.
Wie es scheint, kann ich mir das sparen, sie ist bescheiden in ihren Wünschen.
Ich habe eine Dose voller Gummis gekauft. Alle paar Wochen, wenn der Gummi unrettbar unter dem Sofa (jaja, Hempels) oder an anderen unerreichbaren Orten auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist, spendiere ich einen neuen.
Spaß für Jahre, für 1,99…
Sie ist sparsam.

Und wenn sie es nicht wäre, es wär‘ mir gleich.

Es muss so sein.


Gnä Frau hält mich für dumm.
Das wird es sein, muss es sein.

Wieso auch sonst sollte sie mit immer gleich vorwurfsvollem Ton ins Haus kommen, wenn ich endlich, die Türe öffne, es waren Minuten, Minuten (!), die sie draußen warten musste.
Und außerdem sollte es jetzt etwas zu essen geben, da kann man doch nicht warten.

«Ja, das Essen ist vorbereitet.»
Sie läuft mir vor die Füße und hört nicht auf, es mit den ewig gleichen Lauten zu quittieren.
Ich kapier es nicht, ich bin dumm.

Tag für Tag, wenn wir uns in diesen Situationen über den Weg laufen, ich ihr also die Tür öffne, das Essen, frisch geöffnet, vorbereitet habe, wird das Ritual abgespult.

Sie schimpft, jammert, wenn sie könnte, sie würde die Pfoten über dem Kopf zusammenschlagen.

Gelegentlich, im Versuch es ihr Recht zu machen, variiere ich.
Versuche Neues.

Öffne die Tür und öffne erst dann das Essen.
Tausche die Marke der Mahlzeit gegen eine andere aus.
Versuche mir auszudenken, ob ich ihr eine Maus fangen soll. Und wie?
Warum gibt es kein Katzenfutter aus Maus?

Sie schimpft, jammert usw…
Und ich resigniere, lasse mich weiter bequengeln und
setze mein fehlerhaftes Ritual fort.
Mit schlechtem Gewissen.
Ich werde es nicht verstehen.

Der Anfang..


Wie wir zueinander kamen.
«Hallo! Mein Name ist Sony und ich bin eine „fast-Siamkatze“.»
So begann die Anzeige, von einer kleinen Tierschutzorganisation, aus meiner Region, im Internet geschaltet.

noch Sony
noch Sony

Ein paar erbärmliche Bilder und meine Feststellung, dass ich nun über den Verlust von Sammy so weit hinweg war, dass es möglich war, über Zuwachs nachzudenken.

Ich würde nicht mehr ohne Dauerbesuch sein wollen.
Das war nun klar.

Ich griff zum Telefon, rief an.
Sie solle Auslauf haben, ob ich das gewährleisten könne.
Ich erklärte mich, versprach Bilder zu schicken.
Auslauf hier, auf dem Land, als letztes Haus im Ort, nur von Weiden umgeben, das war das geringste Problem.

Ich sandte Bilder zu. wir vereinbarten einen Termin.
Am selben Tag noch.

Ich fuhr los, beschaffte das Notwendigste.
Rituale der Vorfreude.

Der Katzenkorb sollte, nach der langen Zeit wieder neutral sein, den würde ich noch einmal verwenden.

Und so fuhr ich am Abend, zu früh, ich war ungeduldig, langsam los, mein Ziel, nicht weit entfernt.

Das Haus, ein privates Haus, eine engagierte Tierschützerin, im Nachbarsraum einige Hunde, ebenfalls zur Vermittlung.
Ich war da und hielt Ausschau nach ihr.

Sie lag auf dem Ofen, einem selbstgebauten großen Ofen, der den Raum dominierte und sie tat das, was Katzen tun. Schlafen.
Die Oberfläche, etwas mehr als handwarm. Für sie wohl richtig.

Sie war still, zurückhaltend, ungern wach.
Der Raum gehörte ihr nicht, es gab noch eine Hauskatze.
Sie hatte sich nach oben zurückgezogen, durfte unten nicht sein.

Ich wollte sie mitnehmen, ihr den Raum geben, den sie verdiente.
Das war nach wenigen Momenten fix, da führte kein Weg daran vorbei.

Wir redeten, ich zeigte noch mehr Bilder, war mäßig interessiert an den mir vorgetragenen Geschichten.
Ich wollte sie heim bringen.

Sie durfte mit.
Wir vereinbarten die Formalitäten. Ich unterschrieb den Überlassungsvertrag und holte den Korb.

Die kleine Person ließ sich ohne Widerstand mitnehmen.
Ich schnallte den Korb im Auto an und fuhr los. Nach Hause!

Von dort, wo ich Gezeter und ängstliche Laute vermutete, drangen nur ein, zwei Fragen hervor. Ich war froh darum.
Wir kamen an.

Ich richtete mich auf ein paar fremde Tage ein.
Nichts war ihres, das Haus groß, kalt und unbekannt, voller fremder Gerüche und Eindrücke.
Nur auf den Lärm hatte ich Einfluss, ich vermied ihn.
Ich stellte den Korb in eine Nische, neben das Sofa, da steht er heute noch und öffnete die Tür.
Zog mich zurück.

Bereitete den Essplatz vor, füllte ein wenig ein, stellte das Wasser hin und holte die Wanne voller Katzenstreu aus dem Kellergeschoß nach oben.
Sie sollte ihn nicht suchen müssen, nicht beim ersten Mal…

Sie kam heraus, sah sich um und war da.
In weniger als einer halben Stunde nahm sie ihr neues Reich in Besitz.
Sah sich um, drei Etagen, Keller bis unters Dach..
Türen, verschlossen, manche offen, dahinter noch mehr Raum.
Alles ihr Raum!

Ich saß auf dem Sofa, las und wartete ab.
Das Sofa ist breit, niedrig und offenbar einladend.
Nach der ersten Erkundungstour, ein wenig essen, kam sie und nahm Platz.
Am anderen Ende, aber sie nahm Platz.

Hallo Gnä Frau, sagte ich.

Gnä Frau
Gnä Frau